Brief an Zurich Pride: Sicherheit jüdischer Menschen fördern

Liebes Organisationskomitee der Zurich Pride

Wir wissen, dass die Pride-Saison 2025 für unsere Community enorm wichtig ist. Angesichts der zunehmenden Angriffe auf die Rechte von LGBTIQ+-Personen sind die Verteidigung unserer gemeinsamen Werte und Rechte mehr gefragt denn je. Wir schätzen deshalb Euren unermüdlichen Einsatz dafür, dass die Anliegen der Community gehört werden und wir auch in schwierigen Zeiten zusammenkommen können. Es ist wichtig, dass wir an den Stonewall- Aufstand von 1969 erinnern und damit an den Beginn des organisierten Kampfes für Gleichberechtigung und Akzeptanz.

Wir schreiben heute mit einem besonderen Anliegen:

In den letzten Monaten und Jahren haben antisemitische Vorfälle auch hierzulande massiv zugenommen. 2024 kam es in Zürich zu einem versuchten Mordanschlag auf einen 50-jährigen Juden und zu einem Brandanschlag auf die Synagoge in Zürich-Wiedikon.

Schweizweit gab es vermehrt physische Angriffe und unzählige verbale Diskriminierungen von Jüdinnen und Juden in Medien und auf Social-Media-Plattformen. Es kam in der progressiven und queeren Szene zu Boykottaufrufen gegen jüdische Musikerinnen und Musiker. Deshalb fürchten sich viele queere Jüdinnen und Juden, bei Pride-Paraden und ähnlichen Veranstaltungen teilzunehmen.

Die Einschüchterung der israelischen Sängerin Yuval Raphael, eine der Überlebenden des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023, und die versuchten (Farb-)attacken vor und während des Eurovision Songkontests gegen sie durch Pro-Palästina-Demonstrierende in Basel zeigten abermals den aggressiven Hass selbsternannter Friedensaktivist*innen in unserem Land gegen Jüdinnen und Juden. Dass dies im Rahmen eines stark LGBTIQ+-geprägten Ereignisses, das unter dem Motto „United By Music“ möglich war und von Teilen der queeren Szene unterstützt wurde, stimmt nachdenklich.

So komplex der Nahostkonflikt ist und sosehr wir – wie alle vernünftigen Menschen – dessen zivile Opfer bedauern, sosehr beobachten wir mit grosser Sorge den wachsenden Antisemitismus in der Schweiz und insbesondere in der LGBTIQ+-Szene. Wir bitten Euch als Verantwortliche der Zurich Pride deshalb besondere Anstrengungen zu unternehmen, um sicherzustellen, dass die von Euch organisierten Paraden, Kundgebungen und andere Veranstaltungen für alle Jüdinnen und Juden emotional und physisch so sicher wie möglich sind.

Wir sind uns bewusst, dass dies in der aktuellen politischen Situation eine Herausforderung darstellt. Wir sind aber auch der Meinung, dass die Entscheidungen von ausländischen Regierungen und Terrororganisationen nicht dazu dienen sollten, Menschen zu schaden, die an die Zürich Pride kommen. Wir sind überzeugt, dass Pride-Teilnehmende Symbole ihrer ethnischen/religiösen Identität wie ein Kreuz, einen David-Stern, einen Hijab oder eine Kippa tragen dürfen. Niemand sollte sich zwischen seiner LGBTIQ+-Identität und seiner religiösen oder nationalen Identität entscheiden müssen.

Vor diesem Hintergrund möchten wir Euch einige Vorschläge unterbreiten, wie Ihr die Sicherheit jüdischer Menschen bei Eurer Pride fördern könnt.

Kontaktiert Jüdinnen und Juden aus dem LGBTIQ+-Spektrum vor Ort

Bezieht Eure lokale jüdische Community aktiv ein, fragt sie nach ihren spezifischen Sicherheitsbedenken und knüpft Kontakte, falls Ihr noch keine habt.

Sprecht Euch im Vorfeld mit den Polizeibehörden auch zu diesem
Thema ab

Sollten Polizeikräfte bei der Pride anwesend sein, so bittet diese, dass sie auf antijüdische Belästigungen oder Gewalt innerhalb der vereinbarten Verhaltensregeln reagieren. Gebt Euren Awareness-Teams entsprechende Richtlinien und bietet Deeskalationstrainings an, damit diese bei Konflikten adäquat eingreifen können.

Prüft Eure Künstlerinnen, Künstler, Rednerinnen, Redner und Laufgruppen sorgfältig

Im aktuellen politischen Klima ist es wichtiger denn je, Kunstschaffende, Redende und Laufgruppen darauf zu prüfen, ob sie respektvoll mit einem vielfältigen Publikum umgehen können. Der akademischen Diskussion, was berechtigte Israelkritik oder Israelbezogener Antisemitismus ist, kann ausgewichen werden, wenn alle queer-fremden Themen von den Prides und ihren Rahmenanlässen ferngehalten werden. Das hat in der Vergangenheit gut funktioniert. Oder wurden etwa Irans Atompolitik, die Tibet-Politik Chinas oder die Finanzpolitik der EU an Prides angesprochen?

Einige Gründe, Richtlinien und Erwartungen, die wir als hilfreich empfunden haben, findet Ihr im folgenden Argumentenkatalog.

1. Warum keine queer-fremden Themen an Prides?

Weil sie die Glaubwürdigkeit und das Image der Prides und der berechtigten Anliegen der LGBTIQ+-Community stören.

Weil sie ausgrenzen, spalten und Teilnehmerinnen und Teilnehmer einschüchtern oder schädigen können.

Weil sich die LGBTIQ+-Community nicht für queer-fremde und queer-feindliche Ziele kapern lassen soll.

In der Pride-Saison 2024 störten die «Queers for Palestine» (QfP) die Prides in Zürich und Bern und versuchten das Gleiche erfolglos in Basel. Ein jüdischer und schwuler Augenzeuge berichtet (1): Ich marschierte an der Zurich Pride vom 15. Juni 2024 mit Freunden und Davidstern-Regenbogen- Fahnen – also nicht mit israelischen Nationalfahnen(!) – mit. Unterwegs wurden wir von einer Gruppe mit «Free free Palestine» angeschrien und der Stinkefinger wurde uns gezeigt. Es kam zwischen einem jungen Mann aus dieser Gruppe und mir fast zu einem Handgemenge. Andere Teilnehmer berichteten von den «Queers for Palestine», die mit Banner und Megaphon den Umzug störten. Noch schlimmer war es an der Bern Pride vom 03. August 2024. Schon die Begrüssungsrednerin, ein Vorstandsmitglied des Transgender Networks Switzerland (TGNS), fügte Israel-Bashings in ihre Ansprache. «Queers for Palestine»-Demonstrierende infiltrierten darauf den Berner Umzug und skandierten in einem Hasssprechchor «Alli Zioniste chöne sich verpisse!». Auf mich wirkte das wie «Tod den Juden!», ein Aufruf, wie er z. B. im April 2023 in Berlin Neukölln gebrüllt wurde. (2) Als ich nach dem Umzug die Regenbogen-Davidstern-Fahnen zusammenrollte, umringten mich vier junge Muslime und fragten mich «Enculez-vous des garçons?» (das heisst «Ficken Sie Knaben?»). Dann baten sie mich um eine Fahne, um sie auf dem Bundesplatz zu zerreissen. Ob das Zerreissen einer Regenbogen-Davidstern-Fahne ein judenfeindlicher oder schwulenfeindlicher Akt oder beides ist, lasse ich offen. Es passt meiner Meinung nach aber bestens in die Hamas-Ideologie, die bekanntlich juden- und schwulenfeindlich ist. (3) Für mich ist klar, dass Vertreter*innen von «Queers for Palestine» der Hamas-Ideologie nahestehen, dass Gruppenaufmärsche, die ihre Gegner*innen einschüchtern sollen, und offizielle Israel-Bashings junge Muslime und Palästina-Sympathisant*innen aufhetzen können.

3:Die Hamas ist nach übereinstimmender Einschätzung von Historiker*innen, Politikwissenschaftler*innen und Journalist*innen eine Organisation, deren Ideologie und Gründungsdokumente einen ausgeprägten Antisemitismus enthalten. Die Hamas-Charta von 1988, das zentrale Grundsatzdokument der Organisation, enthält zahlreiche Passagen, die Juden pauschal dämonisieren, Verschwörungstheorien verbreiten und explizit zur Gewalt gegen Juden aufrufen. Siehe dazu z. B. Konrad-Adenauer-Stiftung; Amnesty International; und zur Lage von Menschen aus dem LGBTIQ+-Spektrum siehe den Länderreport von ILGA international.

Ereignisse am ESC

Am Eurovision Song Contest (ESC) in Basel vom 11. bis 17. Mai 2025 traten propalästinensische Gruppen wie «Boycott, Divestment and Sanctions» (BDS) und «ESCalate» in Erscheinung. Einige Gruppen beriefen sich in ihren Aufrufen auf «über 60 queere Organisationen». Es wurde dokumentiert, wie ein Demonstrant gegen die israelische Sängerin Yuval Raphael eine Geste machte, die das Durchschneiden der Kehle bedeutet, wie ein Hasssprechchor das Tram mit der israelischen Delegation begleitete und versuchte, Yuval einzuschüchtern und wie ein geplanter Farbanschlag auf sie beim Finale verhindert wurde. An der Schifflände war die Gruppe kurdish-jewish Alliance präsent. Sie wurde ausgebuht und angegangen, als ihre Vertreter*innen die Regenbogenfahne mit dem Davidstern hochhielten. Darauf mussten sie den Ort verlassen, da die Polizei nicht eingriff und sie sich nicht mehr sicher fühlten. An den propalästinensischen Demonstrationen während des ESCs wurden eine Regenbogenfahne in Verbindung mit einer Palästinafahne und eine Schrifttafel mit «Queers 4 Palestine» gesichtet.

Diese Ereignisse folgten dem bereits in der Pride-Saison 2024 beobachteten Muster und führten zu einer FDP Interpellation (4) im Basler Grossen Rat sowie zu einer Anzeige gegen den Demonstranten, der die Geste mit dem Kehledurchschneiden machte. Darauf resultierte ein internationales negatives Medienecho, das den ansonsten positiv rezipierten Grossanlass überschattete. (5a) (5b)

Zusätzlich zum negativen Presseecho tragen Hass und Hetze zum generellen Imageschaden bei, weil sie die Totengräber der Demokratie sind (6) und das friedliche Zusammenleben in einer toleranten Gesellschaft untergraben. Ganz speziell im queeren Raum, in dem der Slogan «Hass ist keine Meinung» (7) verwendet wird um zu fordern, dass homo- und transfeindliche Hatespeeches nicht durch die Meinungsäusserungsfreiheit geschützt werden, muss auch Judenhass wie jeder Hass gegen Minderheiten geächtet werden, wenn die Community glaubwürdig bleiben will. Diese Vorfälle bekräftigen den am 23.04.25 gegründeten Verein QUEERS gegen ANTISEMITISMUS (QgA) in seinem Bestreben, LGBTIQ-Anlässe in der Schweiz, insbesondere Prides, Strassenfeste und andere Aktivitäten der queeren Community von Antisemitismus freizuhalten (8) weil:

Antisemitismus Juden und Jüdinnen gefährdet.

Antisemitismus nicht-jüdische queere Menschen stört, wenn Hasssprechchöre die Prides mit queer-fremden Themen kapern. Er stört, wenn Begrüssungsreden das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Er stört, wenn Jüdinnen und Juden pauschal für die zivilen Opfer im Gazastreifen verantwortlich gemacht werden. Er stört, wenn mit Doppelmoral die Diskriminierung, Dämonisierung und Entmenschlichung von Jüdinnen und Juden gerechtfertigt werden.

Es stört queere Anlässe ebenfalls, wenn die globale Intifada propagiert wird und wenn Firmen und Organisationen, in denen schwule und lesbische Mitarbeitende in jahrelanger Arbeit Diversity-Programme aufgebaut und mitgestaltet haben, des «Pink Washings» beschuldigt werden, nur weil sie mit Israel Handelsbeziehungen oder wissenschaftlichen Austausch pflegen.

Antisemitismus verunmöglicht jüdischen Queers und ihren Allies, unbeschwert an Prides mitzufeiern. Er gefährdet ihre Sicherheit. Ob die Hasssprechchöre und Banner der QfP unter die Antirassismusstrafnorm Art. 261bis StGB fallen, ist aktuell bei der Zuger Staatsanwaltschaft in Abklärung. Ab 15. Mai 2025 wäre zudem ein Strafverfahren wegen Verbreitung der Hamas-Ideologie denkbar. Entsprechende Anzeigen und Urteile liegen noch nicht vor. Strafrechtliche Argumente gegen die QfP sind daher verfrüht. Wenig bestritten ist jedoch, dass die Nähe zur Hamas Ideologie (9), die sowohl antizionistisch und antisemitisch als auch homophob ist, der Glaubwürdigkeit, dem Image und den berechtigten Anliegen unserer Prides schadet. Da in Zukunft auch andere Gruppierungen als die QfP unter dem Vorwand, queer zu sein, unsere Prides kapern und in Misskredit bringen könnten, schlagen die QgA vor,  alle queer-fremden Themen bis auf weiteres von den Prides auszuschliessen. Hierzu braucht es eine Definition, was queere Anliegen sind. Die QgA schlagen folgende nicht abschliessende Aufzählung vor:

Queere Anliegen sind:

  • Die vollständige rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von LGBTIQ+-Menschen sowie der wirksame Schutz vor deren Diskriminierung.
  • Gleiche Elternrechte und rechtliche Absicherung vielfältiger Familienformen.
  • Hilfe für queere Menschen in Not in der Schweiz (z.B. Aids-Hilfe) und im Ausland (Iran, Russland, Ungarn, afrikanische Staaten, neuerdings auch die USA und v.a.m.)
  • Schaffung bzw. Absicherung queerer Rechte (auch wenn diese in der queeren Gemeinschaft umstritten sind, wie z.B. Leihmutterschaft, Konversionstherapieverbot, Transitionsmedizin und der amtliche Geschlechtseintrag nach eigener Wahl).
  • Queere Netzwerke in Firmen, Verwaltungen, Glaubensgemeinschaften, politischen Parteien, Zivilgesellschaft, Armee, Kultur, Sport, Freizeit usw.
  • Sponsoren, die entweder ein queeres Firmennetzwerk besitzen, die Pride finanziell und/oder ideell unterstützen und/oder Queer Marketing betreiben.

Die Ereignisse am ESC und die Basler Grossratsdebatte haben gezeigt, dass die juristischen und polizeilichen Möglichkeiten gegen Hassreden und Einschüchterung während einer öffentlichen Veranstaltung begrenzt sind. Deshalb schlagen die QgA den Organisationskomitees (OK) der Prides in der Schweiz folgende Massnahmen vor:

1. Macht bereits in der Ausschreibung und in publikumswirksamen Ankündigungen klar, dass a) nur Pride-Formationen mit queeren Anliegen zugelassen werden, b) gegen Vertreter*innen mit queer-fremden Themen und queerfeindlicher Haltung wie z. B. Rechtsradikale und islamische Extremisten10, derentwegen es zu imageschädigender Einschüchterung von Teilnehmenden, zu Streit, Gewalt, Körperverletzung und Sachbeschädigung kommen kann, polizeilich vorgegangen wird. Und c) das OK bei der Polizei die räumliche Trennung zwischen den zugelassenen und wilden Marschformationen beantragen wird.

2. Überprüft bei der Anmeldung Kriterium 1 a).

3. Bildet Eure Awarenessteams gründlich aus, damit sie Gruppen mit queer-fremden Themen, Hassbotschaften und Hetze rasch erkennen und sie konfliktarm aus der Demo wegweisen können.

4. Weist Euren Sicherheitsdienst an, allfällige imageschädigende Störer*innen während der Pride zu dokumentieren und diese umgehend der Polizei zwecks Wegweisung zu melden.