Solidarität mit Dykes, Women & Queers against Antisemitism

Wir solidarisieren uns mit „Dykes, Women & Queers against Antisemitism“ und veröffentlichen ihr Statement, welches man auch auf ihrem Instagram-Kanal findet.

Sehr geehrte LGBT*IQ-Verbände,

wir sind ein junges Bündnis aus Lesben, Frauen und Queers, das den Antisemitismus in unseren Szenen und Organisationen kritisiert und sich ihm aktiv entgegenstellt. Seit geraumer Zeit, insbesondere aber seit dem 7. Oktober, nehmen wir wahr, dass Antisemitismus auch unter LGBT*IQs ein virulentes Phänomen ist, das endlich als solches benannt und bekämpft werden muss.

Queere Jüdinnen und Juden trauen sich bisweilen nicht mehr zu queeren Gruppentreffen, Barabenden oder Veranstaltungen – oder werden, wie zuletzt an einem Soli-Abend im Vorfeld des Dyke* March in Berlin, tätlich angegriffen. Eine ausführliche Aufarbeitung ist auf unserer Instagram-Seite zu finden. Dieser Vorfall ist leider kein Einzelfall. Solche Zustände in unserer Community – insbesondere in Berlin, aber auch weltweit – sind absolut inakzeptabel und bedürfen dringender Intervention sämtlicher Akteur*innen und Vereine.

FÜR WEN IST DIESE DEMO…?

Im Vorfeld des diesjährigen Dyke* March in Berlin kam es im Rahmen einer vom Dyke* March-Team organisierten Soli-Veranstaltung in der Bar Möbel Olfe zu einem antisemitischen Übergriff. Das Dyke* March-Team griff in der Situation nicht ein, um die Betroffenen zu schützen – im Gegenteil: Es setzte sie vor die Tür und schloss anschließend die Türen der Bar ab. In zwei Stellungnahmen und diversen Medienbeiträgen betreibt das Dyke* March-Team nun öffentlich Täter-Opfer-Umkehr, verbreitet antisemitische Narrative und verleumdet die Betroffenen als strategische Strippenzieher*innen, Spalter*innen Rassist*innen und Transhasser*innen.

Wer in diesem Konflikt ausschließlich eine Seite als Opfer sieht und die andere als weiß und mächtig imaginiert, blendet die über 2000-jährige Geschichte des Antisemitismus aus – und reproduziert gleichzeitig antisemitische Vorurteile.

Auf diesem Dyke* March – vielleicht sogar direkt neben dir – laufen Personen, Gruppen und Organisationen mit, die offen oder verdeckt zur Vernichtung Israels aufrufen und Antisemitismus verbreiten. Dem Lippenbekenntnis, jüdische Queers willkommen zu heißen und für Sicherheit zu sorgen, folgten keine Taten – sondern Häme: Die Dyke* March-Orga hat kein Problem mit einem Block der „dykes4palestine“, deren Anhänger*innen bereits im Vorfeld äußerten: „Stonewall was an intifada“ – personell und politisch toleriert und unterstützt durch das Dyke March-Team. Intifadas waren unter anderem von Selbstmordanschlägen auf israelische Zivilist*innen geprägt – also kein guter Bezug.

Wer sind wir?

Wir – jüdische und nicht-jüdische Queers – sind jene Gruppe, die am Dyke* March-Soli-Abend in der Möbel Olfe attackiert wurde. Gemeinsam mit anderen haben wir uns kürzlich in der Gruppe Dykes, Women and Queers against Antisemitism organisiert. Nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen in der queeren Szene wünschen wir uns, dass unsere Perspektive auf vielen Plattformen geteilt wird – damit insbesondere jüdische Queers und ihre Verbündeten mitbekommen, was in Berlin passiert.

Wir haben keine großen Social-Media-Kanäle, über die wir tausende Menschen erreichen könnten – deshalb versuchen wir auf diesem Weg, möglichst viele in der LGBTI*Q- und insbesondere in der FLINTA-Community anzusprechen.

Seit dem 7. Oktober, aber auch schon davor, ist Berlin für viele jüdische und israelische Queers kein sicherer Ort mehr. Ihnen begegnet offener wie versteckter Antisemitismus – mal getarnt als „Antizionismus“, mal als vermeintliche „Israelkritik“. Uns und vielen anderen wird dieser Hass immer unverhohlener entgegengeschleudert – so auch von der Gruppe pro-palästinensischer Aktivist*innen, die uns am Soli-Abend in der Möbel Olfe „Hier ist kein Platz für euch!“ entgegenschrien, uns bedrängten und bespuckten.

Wir waren lange in der Defensive – das ändern wir jetzt.

Unser Ziel an jenem Abend war zunächst ein Gespräch mit dem Orga-Team. Wir wollten verstehen, was die verwendete Hamas-Symbolik in der Bewerbung der Veranstaltung bedeutete, warum antisemitische „dog whistles“ auf dem Instagram-Kanal gepostet wurden, und warum auf unsere Rückfragen nicht eingegangen, sie gelöscht oder ignoriert wurden. Wir wollten wissen: Welches Antisemitismusverständnis hat das Dyke* March-Team wirklich?

Wir wollten auch Sichtbarkeit schaffen – zeigen, dass es queere Jüdinnen und Juden gibt, ihre Verbündeten, queere Antisemitismuskritiker*innen, feministische und linke Zionist*innen. Dass es eben keinen Konsens gibt, die Hamas zu verharmlosen oder Israels Auslöschung zu befürworten.

Das Dyke* March-Team ist, entgegen seiner Selbstdarstellung, Teil des Problems. Deshalb – und nur deshalb – haben wir uns entschieden, an jenem Abend sichtbar zu werden. Wir wollten zeigen, dass wir nicht einverstanden sind, wenn Antisemitismusbekämpfung zur Worthülse verkommt, die nur der Immunisierung gegen Kritik dient.

Dabei ist uns bewusst: Die Mehrheit der Zivilgesellschaft versteht Antisemitismus nicht – oder will ihn nicht verstehen. Viele progressive, queere und linke Räume stehen dem in nichts nach. Im Gegenteil: Kampagnen wie Queers for Palestine oder die Positionierung des Dyke* March Berlin machen Israelhass und Antisemitismus zum Standard in der Szene.

DIE REAKTION

Ja, wir haben uns das Recht genommen, einen Tisch in der Möbel Olfe zu beanspruchen – für uns, für andere Jüdinnen und Juden, Israelis und Unterstützer*innen. Doch anstatt mit uns ins Gespräch zu kommen, betreibt das Dyke March-Team Täter-Opfer-Umkehr: Nicht der antisemitische Angriff, nicht die Symbolik, nicht das Schweigen der Möbel Olfe – wir seien das Problem. Weil unsere Sichtbarkeit Orte „unsicher“ mache.

Das ist Antisemitismus.

Die Gewalt, die uns widerfahren ist, soll laut Dyke* March-Team also unsere eigene Schuld sein – weil wir sichtbar waren. Sichtbare Jüdinnen und Juden als Provokation – auch das ist Antisemitismus.

Es ist das klassische antisemitische Denkmuster: Schuldumkehr. Immer finden sich Gründe, warum Jüdinnen und Juden selbst schuld seien.

Statt Einsicht: ein Statement, das von antisemitischer Haltung zeugt – und der frei erfundene Vorwurf der Transfeindlichkeit (s. „Jungle World“), offenbar mit dem Ziel, uns in der FLINTA*-Community zu diskreditieren.

WORUM ES WIRKLICH GEHT

Wer mit Hamas-Symbolik und antisemitischer Rhetorik arbeitet, ist Teil des Problems. Antisemitismus ist wie Rassismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit keine Meinung – sondern eine Hassideologie. Wer das nicht versteht, hat Antifaschismus nicht verstanden. Denn Antifaschismus heißt auch: bedingungslos jüdisches Leben schützen.

Wer glaubt, Antisemitismus sei eine Frage der Auslegung, steckt bereits mittendrin im antisemitischen Sumpf. Man stelle sich vor, vergleichbare Aussagen wären über Rassismus oder Sexismus gemacht worden! Doch stattdessen: Täter-Opfer-Umkehr und die Verurteilung unserer Sichtbarkeit als „politische Aktion“.

Wir haben das Dyke* March-Motto wörtlich genommen: „Alle sind willkommen, alle sind sicher, wir stehen gegen Antisemitismus.“ Dabei haben wir nie für alle Jüdinnen und Juden gesprochen – das können und wollen wir nicht. Aber es ist auch egal: Denn Antisemitismus ist keine Frage der Perspektive. Er ist eine objektiv erkennbare Tatsache.

Und: Er betrifft alle Jüdinnen und Juden – egal wie sie politisch denken. Auch die Opfer des Hamas-Massakers vom 7. Oktober hatten unterschiedlichste Haltungen – Antisemit*innen macht das keinen Unterschied.


Die Behauptung, wir wollten „für alle“ sprechen, ist ein Strohmann-Argument. Wir spielen dieses spalterische „gute Jüd*innen, böse Jüd*innen“-Spiel nicht mit.

WARUM WIR ISRAEL BENENNEN

Für einige von uns ist Israel der Grund, warum wir überhaupt leben. Unsere Familien flohen vor dem Nationalsozialismus dorthin. Auch heute ist Israel für viele Jüdinnen und Juden weltweit ein sicherer Hafen. Daraus ergibt sich für uns das Existenzrecht Israels. Wer dieses leugnet, leugnet auch die Bedrohung jüdischen Lebens durch Antisemitismus.

Wir haben uns nie zur israelischen Politik oder zum Krieg in Gaza geäußert. Diese Fragen haben nichts mit unserer Position zum Antisemitismus zu tun. Doch gerade die Antisemit*innen im Dyke* March-Team, bei der Möbel Olfe und in der Aktivist*innengruppe setzten genau das gleich: Israelkritik = Kritik an Jüdinnen und Juden.

Auch das ist Antisemitismus.

Der Dyke* March Berlin ist inzwischen eine Querfront für Israelhass und Antisemitismus geworden – gespeist aus simplifizierenden Weltbildern wie „Westen = Täter, globaler Süden = Opfer“. Doch der barbarische Angriff der Hamas ist auch Ausdruck eines seit Jahrhunderten bestehenden Judenhasses – sowohl in der Region als auch in Europa.

UNSERE FORDERUNG

Wir fordern jede*n Einzelne*n in der queeren Community auf: Prüft eure Haltung. Wo steckt Antisemitismus in euren Gedanken, eurem Aktivismus, euren Gruppen?

Bildet euch! So wie ihr euch zu Rassismus, Sexismus oder Transfeindlichkeit bildet. Ihr wisst, was „deadnaming“ oder „catcalling“ bedeutet – aber kennt ihr die antisemitische Bedeutung des Kraken-Symbols oder des Spruchs „Kindermörder Israel“?

Wer Israel als weißen „Colonizer“-Staat konstruiert, wiederholt uralte antisemitische Motive vom „Strippenzieher“ und leugnet die Vielfalt jüdischer und israelischer Identitäten.

Werdet eurem intersektionalen Anspruch gerecht.

Quellen/Berichte:

1 https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Public%20Affairs_Diskriminierung.php? id=1421387

https://www.tagesspiegel.de/kultur/wenn-ein-davidstern-als­ provokation-gilt-ich-nehme-das-mal-personlich-12065549.html

https://mannschaft.com/vor-dyke-march-in-berlin-juedische-queers­ beschimpft

https://www.tagesspiegel.de/berlin/sie-beschimpften-uns-als­ zionistenschweine-antisemitischer-eklat-in-kreuzberger-kneipe­ mobel-olfe-12010877.html

https://taz.de/Oueere-Szene-und-Nahost/!6019494

https://www.tagesspiegel.de/kultur/antisemitismus-beim-dyke­ march-soliabend-manche-traditionen-gehoren-abgeschafft- 12033164.html

2 Antizionismus

https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier- antisemitismus/307746/antizionistischer-und-israelfeind licher­ antisemitismus

3„ lsraelkritik“

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp- content/uploads/2018/12/paedagogischer-umgang-mit­  israelbezogenem-antisemitismus.pdf

4 Israel-Mythen

https://www.morgenpost.de/politik/article240674566/Von­  Apartheid-bis-Zionismus-Experte-widerlegt-lsrael-Mythen.html

5 Analyse Oueers for Palestine /Kommentar“Jüdische Stimme“

https://noodnik.at/2024/06/16/queers-for-palestine-und-ihre­ gegnerinnen-widerspruche-eines-diskurses/

https://www.belltower.news/pinkwashing-wer-sind-eigentlich-die­ queers-for-palestine-156037

https://taz.de/Streit-um-Goettinger-Friedenspreis/!5576800

6 Schuldumkehr

https://www.boell.de/de/2024/02/05/taeterschuld-und­  schuldumkehr-das-verhaeltnis-der-deutschen-zu-israel

7 Antisemitismus-Definition

https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition­ antisemitismus

https://fathomjournal.org/in-defence-of-the-ihra-definition 8 Geschichte des Antisemitismus https://taz.de/Geschichte-des-Antisemitismus/!5979123

https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier­ antisemitismus/307771/islamischer-antisemitismus